Felix zu Löwenstein: Unser vierter Tag im Malteser Camp

Ein Zwischenbericht aus Leogane

06.02.2010

"Wir dürfen eine große, nur leicht beschädigte Halle
als Lager nutzen."

Unser vierter Tag im Malteser Camp in Leogane hat gerade begonnen. Der vierte Tag für Antoinette, die Hebamme ist, für Klaus, der als Techniker und Logistiker Maltesereinsätze in den letzten 35 Jahren begleitet hat. Und für Sissi und Felix, für die Haiti vor langer Zeit zur Heimat wurde, als sie drei Jahre hier als Entwicklungshelfer gearbeitet haben, und die mit dieser Erfahrung und ihren Kreol-Kenntnissen sich um den Alltag des Teams kümmern sollen.

Unser Team

Das Team existiert immer nur als Momentaufnahme, denn manche kommen, manche gehen. Derzeit sind außer den genannten Neuzugängen hier in Leogane:
• Als Ärzte Gudrun und Bernd. Sie haben schon in anderen Maltesereinsätzen zusammen gearbeitet und werden unterstützt von einem jungen mexikanischen Pärchen, beides Ärzte, die unter die Flagge der deutschen Organisation Arche Nova geraten sind.
• Die Krankenschwester Eva, die ein umfangreiches Medikamentenlager verwaltet und die ein Team von ca 15 jungen haitianischen Helfern verwaltet.
• Aus den USA sind für eine Woche eine Hebamme und zwei Krankenschwestern hier, von denen eine aus Haiti stammt und dolmetschen kann.
• Der MHD-Rettungssanitäter Tobias betätigt sich vornehmlich als Logistiker.
• Yolaine und zwei weitere einheimische Krankenschwestern sind wichtige Verbindungs-Kräfte zu den Patienten, die nur selten etwas anderes als französisch sprechen.
• Für uns im Moment wenig sichtbar, aber rund um die Uhr in Koordination, Beschaffung und Planung unterwegs, ist die Leiterein des Einsatzes Bea und ihre Assistentin Wanda, die alleine in Port au Prince zurückgeblieben sind, als vor einer knappen Woche das Team von dort ins hiesige Lager umgezogen ist.
• Ins Lager integriert ist Philipp, der für Arche Nova arbeitet und hier eine Trinkwasseraufbereitung installiert hat, ohne die die Wasserversorgung des Camps ein erhebliches Problem wäre. Er und sein Kollege, der abgereist ist und morgen ersetzt wird, kümmern sich außerdem um den Bau der sehnlich erwarteten Latrine.

Das Camp in Léogane

Das Lager steht auf dem Gelände einer Rumfabrik, deren großzügiger Besitzer uns zur Verfügung stellt, was immer wir brauchen und er hat – bis hin zu einem kleinen Nachttrunk aus eigener Produktion. Zwar ist in dieser Stadt fast kein Gebäude mehr zu finden, das nicht aufs furchtbarste kollabiert oder wenigstens so schwer beschädigt ist, dass es unbewohnbar ist. Die Fabrik aber steht größtenteils noch und wird nächste Woche wieder anlaufen. Was das an Geruch für uns mitbringt, erwarten wir mit Bangen.

Wir dürfen eine große, ebenfalls nur leicht beschädigte Halle als Lager nutzen. Daran angebaut ist der Behandlungsraum. Der ist mehr als primitiv, 4 Meter breit und 9 lang, innen in drei Abteile aufgegliedert. Alle Wände bis auf die Außenwand der Halle bestehen aus Planen, das Dach ist aus Wellblech. Der Warteraum ist der Platz unter einer Akazie, was schön kühl ist, bei Regen aber keine gute Lösung mehr wäre. Unsere Hoffnungen ruhen auf einem großen Container. Den hat die Firma EADS gestiftet und unter enormen Kosten hierher geschafft. Seit vorgestern ist er hier, aber wir konnten trotz aller Bemühungen noch niemanden finden, der uns das 6 Tonnen schwere Ding abladen konnte. Gestern abend waren wir noch mal im Camp der kanadischen Armee und zufällig fuhr dort gerade ein riesiger Kran ein. Die Verhandlungen dauerten nur kurz und eine Stunde später stand der riesige Gegenstand bei uns im Hof, umringt von staunenden Einheimischen und Teammitgliedern. Zwei ebenso hinreißende wie bullige Soldaten schufteten Stunden bis in die schwärzeste Dunkelheit. Jetzt steht unsere Klinik – heute wird sie in Betrieb genommen.

Dahinter stehen drei Tunnel-Zelte, die uns die Argentinier hinterlassen haben, die mit dem Posten hier begonnen haben, aber seit einer Woche abgereist sind. Darin liegen unsere stationären Patienten – auch das sehr primitiv. Einfache Betten haben wir nur für 6 oder 7 von ihnen, die anderen 10 müssen mit ihren Matratzen auf dem Boden liegen. Ein paar Meter weiter steht ein Kreis von 2-Mann Zelten, in denen das Team schläft. In einem Pavillion–Zelt werden ca 40 Essensportionen für Kranke und ihre Angehörige und 15 für das Team gekocht. Das steht aber erst seit gestern – bis dahin war Improvisieren angesagt…!

All das grenzt an ein hoch eingezäuntes Gelände, in dem ein Bataillon der UN aus Sri Lanka stationiert ist. Deren Gebäude sind nahezu unzerstört geblieben, und so konnten dort unmittelbar nach dem Beben viele Verwundete versorgt werden. Wir profitieren enorm von ihrer Hilfe, weil wir bei Ihnen eine Dusche und eine Toilette nutzen dürfen. Zudem ist es eine Beruhigung für uns, uns von ihnen geschützt zu wissen. Auch wenn wir nirgends Feindseligkeit spüren, so wissen wir doch um die Gefahr von Übergriffen.

Alles hier haben wir vor einer knappen Woche von einem argentinischen Team übernommen, das abgereist ist. Die Herausforderung, etwas aus den primitiven Anfängen heraus zu entwickeln, das den Ansprüchen genügt, die man auch unter den sehr schwierigen Verhältnissen dieses Landes nach dem Erdbeben stellen muss, ist groß. Noch haben wir nicht genug Betten, einiges an medizinischem Material fehlt, erst seit gestern können wir für Team und Kranke regelmäßige Mahlzeiten herstellen. Eine zweite Station in einem schwerer zugänglichen Ort – Darbonne – in dem es um die Versorgung sehr viel schlechter bestellt ist als hier, ist in Angriff zu nehmen. All das ist schwierig. Aber angesichts der schrecklichen Situation der Bevölkerung rundum und den sich daraus ergebenden Versorgungsschwierigkeiten müssen auch wir bereit sein, Abstriche zu machen und immer wieder zu improvisieren.

Der Alltag im Camp

Jeden Morgen um 8 h öffnet unsere „Ambulanz“ und die Ärzte sehen in den Krankenzelten nach den stationären Patienten. Derzeit kommen täglich zwischen 50 und 100 Patienten mit den verschiedensten Krankheiten zu uns. Menschen, die Verletzungen aus dem Erdbeben haben, werden seltener, obwohl auch jetzt, mehr als drei Wochen danach, noch Leute kommen, die unversorgte Knochenbrüche haben. Mehr und mehr geht es aber um die normale Gesundheitsversorgung, für die alles, was es an Rudimentärem vorher gab, im Beben zugrunde gegangen ist. Unsere Ausrüstung ist noch sehr einfach und es fehlt an Vielem. Da ist es gut, dass in der Nachbarschaft noch ein Feldkrankenhaus der Kanadischen Armee steht, in das wir Menschen überweisen können, die geröntgt oder operiert werden müssen, und dass für Problemgeburten Ärzte ohne Grenzen auch nicht weit sind. Die Zusammenarbeit funktioniert gut, und so besteht für uns kein Anlass, Fälle zu behandeln, für die andere besser ausgerüstet sind als wir.

Die Herausforderung wird aber steigen, wenn die Feldlazarette abgezogen werden – und damit ist nach und nach zu rechnen. Bis dahin muss es uns gelungen sein, eine stabile Struktur aufgebaut zu haben, die zu einem langfristigen Element der Gesundheitsversorgung vor Ort wird. Dafür muss einheimisches Personal gefunden werden, und wir müssen Möglichkeiten ausfindig machen, uns in bestehende Strukturen einzugliedern.

Seit gestern haben wir zwei Frauen einstellen können, die die Wäsche erledigen und für die Kranken kochen. Für das Team kocht mit deren Hilfe die „Camp-Mutter“, Sissi, und versucht, ihnen in den nächsten drei Wochen ein paar Gerichte beizubringen, mit denen auch europäische oder nordamerikanische Verdauungssysteme auf Dauer zurecht kommen.

So tut sich Tag für Tag Neues – jede Verbesserung hebt die Stimmung…..!

Kommentare

Christine Löwenstein, 08-02-10 16:51:
Liebe Sissi, lieber Felix!Bin seit Samstag wieder in Habitzheim. Alles scheint ok zu sein, Samba hat mich gleich nach der Kirche begrüßt, hat es aber abgelehnt, mit mir zu kommen. Ich denke viel an Euch und an alle die Menschen, denen Ihr helft. bless you all! Mami
Astrid Förster, 08-02-10 08:05:
Liebe Gudrun,
wir wünschen euch viel Erfolg,Kraft und Mut,starke Nerven und Geduld!Prima das wir so miterleben können was wirklich dort passiert und wie es euch und euren Patienten geht.
Kommt alle gesund zurück!
Wir denken an Euch und wünschen weiterhin gutes Gelingen.
Viele liebe Grüße aus Duisburgs St. Barbara,
Astrid
Katharina, 07-02-10 21:53:
Liebe Töni,

nachträglich noch einmal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Wir denken sehr an Dich und hoffen, dass die Arbeit gut vorangeht.

Alles Liebe,
Deine Max & Katharina und Philipp
Ronnie Clary, 07-02-10 16:09:
Liebe Sissi, lieber Felix, Wie interessant, von Euch mal was zu erfahren. Die Umstände, die Ihr schildert, scheinen genau dem zu entsprechen, weswegen Ihr Euch zu helfen entschlossen habt. Ihr seid also die Richtigen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Weiter gutes Gelingen und Gottes Segen. Hier alles soweit OK. Ronnie

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