Tobias Kann: Einfach da sein und handeln, weil Nähe zählt

Gräfelfing, 22. Februar

26.02.2010

Lichtspiele im Camp
Foto: Tobias Kann

Nun bin ich wieder zu Hause. Mit Kühlschrank, fließendem Wasser, Strom aus der Steckdose, einem richtigen Bett und nicht zuletzt einem Dach über dem Kopf.

Am zweiten Tag daheim ist natürlich geistig und seelisch alles in Bewegung, und vielen Erlebnissen werde ich mir erst in Wochen oder Monaten bewusst werden. Doch etwas kann ich auch so schon berichten:
Alles in allem war es für mich, und wie ich meine auch für das ganze Team, ein guter, bereichernder und wenn man so will sogar schöner Einsatz. Das hat mehrere Gründe. Zum Einen war ich nicht in der ersten Phase dort, als noch viele Menschen lebend unter den Trümmern lagen und den armen Helfern wirklich die Zeit davon gelaufen ist. Zum Anderen kann der Mensch kaum etwas so gut wie sich anpassen beziehungsweise verdrängen. Schon nach ein paar Tagen waren die Trümmer um mich herum etwas nicht mehr so Außergewöhnliches, nach einer Woche waren sie vollkommen normal. Dazu hat man so viel damit zu tun sich um die Patienten und auch um sich selber zu kümmern, dass oft sehr wenig Zeit und Ruhe bleibt, sich all der Dinge um einen herum Gedanken zu machen.

Erst wenn Gegebenheiten positiv wie negativ herausstechen, wird man sich der Umstände wieder gewahr. So zum Beispiel in dem Moment, als der Vater seinen schon zum sterben verurteilten Säugling brachte. Oder wenn Patienten erzählten, dass sie teilweise noch über zehn Familienangehörige unter den Trümmern suchen. Oder die 70-jährige verletzte Frau in unserem Camp, die ihr Schicksal mit bemerkenswerter Würde trägt. Diese Liste an Furchtbarem ließe sich noch viel weiter ausführen, doch es gab eben auch viel Positives: die ganz tolle Teamarbeit unter uns Maltesern, unsere Koordinatoren Bea und Wanda, die sich für uns alle sehr wenig Schlaf gegönnt haben, die wieder spielenden Kinder im Camp, die gelungene Geburt oder der Dank der Patienten. Auch die tolle Zusammenarbeit z.B. mit dem THW, der kanadischen Armee, unserem Grundstücksbesitzer Michael und den Leuten von EADS hat uns das Leben deutlich leichter gemacht.

Wenn man mich nun fragen würde, ob ich wieder so einen Einsatz machen wolle, so würde ich mit einem klaren Ja antworten.

Wie gesagt, all die Trümmer rücken ganz weit in den Hintergrund. Dafür stehen ganz ganz weit vorne die Menschen und die Freude an der Arbeit! Die Freude daran, dass man seinen Beruf und vielleicht auch seine Berufung ausüben darf. Im wahrsten Sinne des Wortes ohne Grenzen: keine Bürokratie, keine politischen Hürden, kein in Frage stellen der Sinnhaftigkeit. Einfach da sein und handeln, weil Nähe zählt.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*

*
Spendenkonto
120 120 120
Bank für
Sozialwirtschaft
BLZ: 370 205 00
Charity-SMS


Video: Charity-SMS
geht ganz einfach!